Mein lieber Janek.
Ich bin nach der Schlüsselübergabe so schnell es ging wieder nach Hause geradelt. Nur zog sich der Heimweg leider so, weil ich mich verfuhr, Straßen blockiert waren (Gilet Jaunes und so, he) und es manchmal einfach zu steil war, mäp. Dabei hatte ich den Impuls einfach gleich nochmal mit dir zu telefonieren. Nur leider, leider war es dann doch schon zu spät, als ich in mein Zimmer und in mein Bett hüpfte und gleich den Computer anschmiss - du wartest schon nicht mehr auflinie. Und dann habe ich dir zwei Videonachrichten aufgenommen. Die erste war ganz pur und gut, mit noch roter Nase vom Fahrradfahren. Aber anscheinend zu groß und Skype wollte und wollte sie ewig nicht senden. Dann hab ich einfach noch eine gemacht, aber die war erstens dann eh nicht mehr so eh und affektartig ehrlich herzlich und zweitens anscheinend auch zu groß für Skype, der alte Hund. Nun. Welches Medium bliebte mir? Eine Sprachnachricht bei Telegram würd es auch tun, eine Mail ebenso, dachte ich. Aber nein. Du hast ja diesen Adventskalender hier. Da kannte ich dir doch Nachrichten senden und es sieht gut aus und es reiht sich ein, in die täglichen Kurzliebesschwüre. Darum leset hier:
Es tut mir sehr leid, dass ich so viel unserer begrenzten Gesprächszeit für meine BahnCard - Krise verschwendet habe. Ich hatte dabei eine schreckliche Stimme, eine schreckliche Stimmung. Ich war so gut drauf vorher und das hat mir einfach schlagartig die Laune verdorben. Und zudem war es eben der Tropfen, der mein kleines Fässchen zum Überlaufen gebracht hat, he. Das hat sich recht gut gefüllt die letzten zwei, drei Tage. Mein Fässchen ist eben auch einfach besonders klein und fasst einfach nicht so viel, das läuft eben sehr schnell über, menno. Ich hatte heute so gute Stimmung because it was just careless me, myself and I and careless sunshine and careless Christmasfeeling and careless Begegnungen and then even careless you, even you! Und dann die Bahn, igitt, die Dumme. Da war ich dann auf einmal wieder die Dumme. Dabei brauchte ich heute nur gute Dinge und Komfort und Zeit für nichts und alles, denn die Woche hat mich sehr eingenommen und mir pausenlos das Hirn zermattert. Ich hab kaum Momente zum Abschalten und Atmen gefunden. In meinen Pausen war ich endmüde, doch von Geräuschen und Gesprächen der anderen umgeben und oder schon wieder in Gedanken bei all den Unsicherheiten, Schwierigkeiten, Aufgaben und Dingen die am Abend wieder anstehen, zu beachten sind, zu meistern sein werden. Und während der Arbeit gab es viel kleines Heckmeck und kleines Durcheinander und kleines Rumgerenne und kleine Komplikationen und wenn sich das ansammelt und alles direkt aufeinander folgt und ich zwischendurch nicht mal mein Herzl ausschütten kann (weil not the moment or not the person or not the language or not knowing if it's worth it), dann issa irgendwann eben auch mal gut. Ich wollte nur echt noch meine Ruhe haben, heute. Und hätte dir gern mein Herz ausgeschüttet um ein bisschen aufzuräumen, in mir. Mit deiner Hilfe.
Gut, ich habe es dir ausgeschüttet, aber auf viel zu brutale Art und Weise. Und es bezog sich gar nicht auf das, was mich eigentlich umtreibt und umtroben hat, sondern auf die blöde Bahn. Ich hasse es, wenn ich wütend werde, ich hasse mich, wenn ich wütend werde. Meine Stimme ist dann zum Fingernägelverbiegen schrill, kindlich und weinerlich. Ich versuche dabei schon sogleich vernünftige, beruhigende und entdspannende Gedanken zu fassen, doch das klappt dabei eher so mäßig, meine Stimmung bessert sich trotzdem nicht und das macht mich dann nur noch angespannter und weinerlich wütender. Und statt mich wirklich zu beruhigen und darüber zu lachen (denn eigentlich ist es immer zum Lachen, ich schmunzele dabei dann schon häufig, aber es will einfach nicht ganz raus), stürze ich mich in weinerliche Entschuldigungen für mein Benehmen. Aber ohne jede Standfestigkeit, ohne dass ich an einem Schlusspunkt ankomme, ohne dass diese Entschuldigungen mich beruhigen würden. Du blöde Bahn, du hast alles kaputt gemacht. Du hast mich wütend werden lassen! I don't like you. Du blöde Charlotte, du hast dir das von der Bahn kaputt machen lassen, und dem Janek auch. Du Armer, Armer, Geliebter. Hast meinen ganzen Ärger abbekommen, du Armer, Armer.
Und danach war ich doch immer noch so durcheinander und schämtete mich so, so, so sehr für meinen Anfall, dass ich dir nicht richtig folgen konnte, bei allem Schönen was du mir dann doch noch so erzähltestest. Und zudem hatte ich auch noch etwas Zeitdruck. Oh, oh. Not so entspännt I was.
Und doch, dein Erzählen hat mich schließlich doch so gut beruhigt und getröstet und in mir aufgeräumt. Ja, du hast ein bisschen in mir aufgeräumt, auch wenn deine Janekdoten aus good old Duluth ja gar nichts mit mir zu tun hatten. Und dann war ich eben so gut aufgeräumt, dass ich gleich wusste: Nach der Schlüsselübergabe düst du zurück und versuchst es noch einmal von vorne, mit diesem herrlichen Geliebten, da. Am anderen Ende der Welt. Nun machst du dich sicher gleich oder sogar schon auf den Weg, sodass wir demnächst ja wieder am gleichen Ende der Welt sind. Und ab diesem Moment sind es dann auch nur noch ein paar wenige Entfernungen und Zeiten, die uns voneinander trennen. Und wenn die überwunden sind, ist alles wieder gut.
In Liebe,
deine Charlotte